Thomas Zoppoth (1866–1906)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Anton Zoppoth (Mauthen / Muta [Kötschach-Mauthen / Koče-Muta], Kärnten 26. Dezember 1825 – ?), Sohn einer Hausfrau und eines Lederermeisters: Schuhmachermeister; Heirat in Wien am 13. November 1857 mit:
Mutter: Emila Zoppoth, geborene Rack (Moldautein, Böhmen [Týn nad Vltavou, Tschechien] 9. November 1826 – ?), Tochter einer Hausfrau und eines Gärtners: Hausfrau
Ehe: keine
Kinder: keine
Biographie
Thomas Zoppoth absolvierte eine Drechslerlehre und arbeitete dann als Massapfeifenschneidergehilfe in Wien, wo er sich der radicalen Arbeiterbewegung anschloss.
Am Ostermontag dem 6. April 1885 zogen etwa eintausendachthundert bis zweitausend Arbeiter von Breitensee (Niederösterreich [zu Wien 14.]) über den Steinbruch am Gallitzinberg in Ottakring (Niederösterreich [zu Wien 16.]) zur Sophienwarte [heute Jubiläumswarte] und zur Kreuzeichenwiese in Ottakring. Am Nachmittag versammelten sich etwa dreihundert Arbeiter auf der Ramschwiese in Hütteldorf (Niederösterreich [zu Wien 14.]). Nachdem sie von Gendarmerie aufgefordert wurden, sich zu zerstreuen, begaben sich auch diese Arbeiter Richtung Gallitzinberg. Eine kleine Gruppe von etwa dreißig Arbeitern aus Meidling (Niederösterreich [zu Wien 12.]) verblieb jedoch auf der Ramschwiese. Thomas Zoppoth breitete eine rote Fahne aus und forderte die Teilnehmer auf, auf diese einen Eid zu leisten, was auch geschah. Währenddessen feuerte der Goldarbeitergehilfe Rupert Kautzky (~1867–?) mehrere Revolverschüsse ab. Es ertönten die Rufe »Hoch die Anarchie!«, »Nieder mit den Tyrannen!«, und man sang auf dem Nachhauseweg das Lied aus der 1848er-Revolution »Der Staat ist in Gefahr«. Am Abend zerstreuten sich die Ausflugteilnehmer auf dem Gallitzinberg ohne größere Zwischenfälle. Allerdings wurden später mehrere Mitglieder der Gruppe von der Ramschwiese polizeilich ausgeforscht. Diese Ausflüge waren eine der wenigen öffentlichen Manifestationen der Wiener Radicalen in diesem Jahr.
Wegen des Vorfalls auf der Ramschwiese zwischen Gallitzinberg und Hütteldorf fand am 8. Juni 1885 vor dem Landes- als Erkenntnisgericht Wien der Prozess gegen sieben Radicale statt, angeklagt wegen Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung der Goldarbeitergehilfe Rupert Kautzky und der Schuhmachervorarbeiter Johann Thiel (~1853–?), wegen Vergehens der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung der Geschäftsdiener Johann Bartsch (1858–?), der Buchbindergehilfe Leopold Kautzky (1862–?), Bruder von Rupert Kautzky, die Handarbeiterin Bertha Müller (~1848–?), die Handarbeiterin Anna Traxler (~1867–1888) sowie Thomas Zoppoth. Johann Thiel wurde als Organisator der Demonstration beschuldigt, Rupert Kautzky als Initiator der verräterischen Parolen, welche von den anderen nachgeschrien worden waren und Anna Traxler der Mitnahme der roten Fahne nach Hause. Bei der Verhandlung wurde auch ein Geheimbund angesprochen, weil die Angeklagten dem geheimen Verein »Die Sackumdreher« angeblich angehörten. Johann Bartsch, Bertha Müller und Thomas Zoppoth gaben die Existenz des Vereins, in dem man sich nicht mit Namen, sondern mit Nummern ansprach, zu, stellten ihn aber als Juxverein dar. Im Sinne der Anklage wurden Johann Thiel zu zehn und Rupert Kautzky zu vier Monaten schwerem Kerker verurteilt. Johann Bartsch, Leopold Kautzky, Bertha Müller, Annas Traxler und Thomas Zoppoth wurden freigesprochen, weil sich der politische Charakter des Vereins nicht nachweisen ließ.
Am 15. März 1886 wollten sich am Abend mehrere Radicale spazierengehend am Graben (Wien 1.) versammeln. Dann sollten auf ein verabredetes Zeichen hin die Nobelläden dieser vornehmen Einkaufsstraße geplündert werden, um nach wenigen Minuten spurlos zu verschwinden. Die Aktion, die übrigens englische Vorbilder hatte, wurdr jedoch verraten. Die Radicalen wurden nämlich von hundertfünfzig Mann der Sicherheitswache erwartet. Die Polizei war bereits in höchster Alarmbereitschaft, und schon bei der Annäherung zum Graben wurden an der Ecke Tuchlauben / Bognergasse (Wien 1.) zwei Arbeiter, welche ein neues, scharf geschliffenes Küchenmesser und einen großen Stein mit sich trugen, von zwei Detektiven festgenommen. Die Aktion wurde daraufhin von den Radicalen abgebrochen. Gegen die Festgenommenen, Thomas Zoppoth und der in Bayern gebürtige Bäckergehilfe Josef Friedrich (1864–?), wurde ein Verfahren eingeleitet. Josef Friedrich soll versucht haben, die Festnahme von Thomas Zoppoth zu verhindern. Bei Josef Friedrichs Festnahme hatte er dann einen Ziegelstein, den er in seiner Tasche gehabt hatte, zu Boden fallengelassen. Am 19. April 1886 wurde Josef Friedrich vom Landes- als Erkenntnisgericht Wien zu einer Woche strengem Arrest verurteilt. Der Prozess gegen Thomas Zoppoth fand erst am 29. Juli 1886 vor dem Landesgericht Wien statt. Er wurde im Sinne der Anklage wegen der Verbrechen der Majestätsbeleidigung und der Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hauses zu einem Jahr schwerem Kerker, verschärft mit einem Fasttag im Monat, verurteilt.
In den Monaten zwischen dem Vorfall vom 15. März 1886 am Graben und der Verurteilung Zoppoths, der sich bis dahin auf freiem Fuß befand gab es ein weiteres Ereignis, das für ihn folgenreich war. Thomas Zoppoth, der angeblich die Aktion angeregt haben soll, der Stuckateurgehilfe Leopold Kaspari (1862–?), der Fleischausträger Heinrich Rischawy (1859–?) und der Webergehilfe Johann Wawrunek (1850–?) versuchten im April 1886 in der Nacht, nach 22 Uhr, die Eingangstür der Druckerei des Josef Trostler (1852–1917) in Wien 6., Ecke Mollardgasse / Marchettigasse, aufzubrechen, um zu Lettern für eine geheime Druckerpresse zu gelangen. Josef Trostler wurde ausgewählt, weil durch seine Zeugenaussage der Schuhmachergehilfe Johann Richter (1852–nach 1932) am 25. Mai 1882 zu zwölf Jahren schwerem Kerker verurteilt worden war. Mit den Lettern sollten, wie Zoppoth später aussagte, Flugblätter heregestellt werden, weil die Arbeiter keine Möglichkeit zur Meinungsäußerung hätten. Da man sich so spät für den Einbruch entschied, sei dieser Plan ins Wasser gefallen. Josef Trostler erhielt von diesem Einbruchsversuch, der so genannten Trostler-Affäre, erst im Oktober 1886 im Zuge seiner Vorladung beim Landesgericht Wien Kenntnis.
In der Nacht vom 3. auf den 4. Oktober 1886 begann die Polizei ihren großen Schlag gegen die Wiener radicale Arbeiterbewegung, in deren Verlauf zunächst fünfzehn Radicalen und Sozialrevolutionäre verhaftet wurden. Vom 21. bis 28. März 1887 fand vor dem Landes- als Ausnahmsgericht Wien der so genannte Anarchisten-Prozess gegen fünfzehn Angeklagte statt, darunter Thomas Zoppoth. Verhandelt wurden die zweite so genannte Brandleger-Affäre vom 3. und 4. Oktober 1886, die so genannte Trostler-Affäre vom April 1886, die so genannte Linke-Affäre vom März 1886, die so genannte Dynamit-Affäre vom Februar 1886, die so genannte Tyll-Affäre vom 3. August 1885 und die so genannte Reich-Affäre vom 18. Juni . Der Prozess sollte ursprünglich in geheimer Verhandlung stattfinden, da aber jeder der fünfzehn Angeklagten drei Vertrauensmänner bestimmen konnte, war der geheime Charakter ohnedies hinfällig, so dass man sich zu einer öffentlichen Verhandlung entschloss, ausgenommen die Verhandlung vom 25. März 1887. Thomas Zoppoth wurde anlässlich der so genannten Trostler-Affäre des Verbrechens des versuchten Diebstahls angeklagt und im Sinn der Anklage zu einem Jahr schwerem Kerker, verschärft mit einem Fasttag im Monat, verurteilt. Thomas Zoppoth, der auf einen Einspruch auf das Urteil verzichtete, verbüßte seine Strafe im Gefängnis Stein [zu Krems an der Donau] (Niederösterreich).
Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis trat Thomas Zoppoth der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« bei und engagierte sich als Parteifunktionär. Am 31. Mai 1893 musste er sich vor dem Bezirksgericht Wien-Neubau wegen Ehrenbeleidigung verantworten. weil er das Verhalten des damaligen Direktors des Gefängnisses Stein ungerechtfertigt kritisiert habe, doch wurde die Anklage während des Prozesses zurückgezogen und Zoppoth freigesprochen. Bereits im November 1893 wurde anlässlich des Gerberstreiks eine Voruntersuchung gegen Thomas Zoppoth eingeleitet. Zoppoth, der nun auch im »Verein der Freidenker« und im »Arbeiter-Bildungsverein Rudolfsheim-Fünfhaus« aktiv war, gehörte bald zu den rührigsten Agitatoren der Wiener Sozialdemokratie. Schließlich wurde er beamteter Expeditor der sozialdemokratischen Zeitungen »Volkstribüne« (Wien) bis 1900 und 1897 bis 1899 »Neue Volkstribüne« (Wien). Am 13. Februar 1899 wurde Zoppoth anlässlich einer Rede am 25. September 1898 vom Kreisgericht Steyr (Oberösterreich) zu sechs Wochen Arrest verurteilt, ein Urteil, das am 2. Juni 1899 vom Kassationshof Wien bestätigt wurde. Um 1901 übersiedelte Thomas Zoppoth nach Neunkirchen (Niederösterreich), wo er Bezirksvertrauensmann der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« wurde. Franz Zoppoth, der seit seinem Aufenthalt im Gefängnis Stein an Tuberkulose litt, ließ sich im Jänner 1906 nach Wien überführen, wo er am 3. Februar 1906 im Kaiser-Franz-Josef-Spital [Klinik Favoriten] in Wien 10., Kundratstraße 3, an Lungentuberkulose verstarb.
Kategorien
Adresse
- Wien 5., Reinprechtsdorfer Straße 5 (Geburtsadresse)
- Wien 5., Siebenbrunnengasse 32 (belegt für 1891 bis 1898)
- Wien 5., Einsiedlerplatz 5 (belegt für 1899)
- Wien 5., Arbeitergasse 13 (belegt für 1900 bis 1901)
- Kaiser-Franz-Josef-Spital [Klinik Favoriten], Wien 10., Kundratstraße 3 (Sterbeadrese)
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Autor: Reinhard Müller
Version: März 2025
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