Leopold Kautzky (1862–)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Ignaz Kautzky, Sohn einer Bäuerin und eines Bauern (Semil, Böhmen [Semily, Tschechien] 3. Juni 1830 – ?): Weber; Heirat in Reindorf (Niederösterreich [zu Wien 15.]) am 8. Mai 1859 mit:
Mutter: Josefa Kautzky, geborene Litowsky (Meidling, Niederösterreich [zu Wien 12.] 31. Dezember 1834 – ?), Tochter einer Hausfrau und eines Webermeisters: Hausfrau
Bruder: Johann Kautsky (Sechshaus, Niederösterreich [zu Wien 15.] 7. Dezember 1860 – ?):
Bruder: Rupert Kautzky (Wien ~1867 – ?): Goldarbeitergehilfe; Radicaler
Biographie
Leopold Kautzky, zuständig nach Semil (Böhmen [Semily, Tschechien]), absolvierte eine Buchbinderlehre und arbeitete als Buchbindergehilfe in Wien, wo er sich der radicalen Arbeiterbewegung anschloss.
Am Ostermontag dem 6. April 1885 zogen etwa eintausendachthundert bis zweitausend Arbeiter von Breitensee (Niederösterreich [zu Wien 14.]) über den Steinbruch am Gallitzinberg in Ottakring (Niederösterreich [zu Wien 16.]) zur Sophienwarte [heute Jubiläumswarte] und zur Kreuzeichenwiese in Ottakring. Am Nachmittag versammelten sich etwa dreihundert Arbeiter auf der Ramschwiese in Hütteldorf (Niederösterreich [zu Wien 14.]). Nachdem sie von Gendarmerie aufgefordert wurden, sich zu zerstreuen, begaben sich auch diese Arbeiter Richtung Gallitzinberg. Eine kleine Gruppe von etwa dreißig Arbeitern aus Meidling (Niederösterreich [zu Wien 12.]) verblieb jedoch auf der Ramschwiese. Der Pfeifenschneidergehilfe Thomas Zoppoth (1866–1906) breitete eine rote Fahne aus und forderte die Teilnehmer auf, auf diese einen Eid zu leisten, was auch geschah. Währenddessen feuerte der Goldarbeitergehilfe Rupert Kautzky (~1867–?), Bruder von Leopold Kautzky, mehrere Revolverschüsse ab. Es ertönten die Rufe »Hoch die Anarchie!«, »Nieder mit den Tyrannen!«, und man sang auf dem Nachhauseweg das Lied aus der 1848er-Revolution »Der Staat ist in Gefahr«. Am Abend zerstreuten sich die Ausflugteilnehmer auf dem Gallitzinberg ohne größere Zwischenfälle. Allerdings wurden später mehrere Mitglieder der Gruppe von der Ramschwiese polizeilich ausgeforscht. Diese Ausflüge waren eine der wenigen öffentlichen Manifestationen der Wiener Radicalen in diesem Jahr.
Wegen des Vorfalls auf der Ramschwiese zwischen Gallitzinberg und Hütteldorf fand am 8. Juni 1885 vor dem Landes- als Erkenntnisgericht Wien der Prozess gegen sieben Radicale statt, angeklagt wegen Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung der Goldarbeitergehilfe Rupert Kautzky und der Schuhmachervorarbeiter Johann Thiel (~1853–?), wegen Vergehens der Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung der Geschäftsdiener Johann Bartsch (1858–?), Leopold Kautzky, die Handarbeiterin Bertha Müller (~1848–?), die Handarbeiterin Anna Traxler (~1867–1888) und Thomas Zoppoth. Johann Thiel wurde als Organisator der Demonstration beschuldigt, Rupert Kautzky als Initiator der verräterischen Parolen, welche von den anderen nachgeschrien worden waren und Anna Traxler der Mitnahme der roten Fahne nach Hause. Bei der Verhandlung wurde auch ein Geheimbund angesprochen, weil die Angeklagten dem geheimen Verein »Die Sackumdreher« angeblich angehörten. Johann Bartsch, Bertha Müller und Thomas Zoppoth gaben die Existenz des Vereins, in dem man sich nicht mit Namen, sondern mit Nummern ansprach, zu, stellten ihn aber als Juxverein dar. Im Sinne der Anklage wurden Johann Thiel zu zehn und Rupert Kautzky zu vier Monaten schwerem Kerker verurteilt. Johann Bartsch, Leopold Kautzky, Bertha Müller, Annas Traxler und Thomas Zoppoth wurden freigesprochen, weil sich der politische Charakter des Vereins nicht nachweisen ließ.
Wenige Monate später kam es neuerlich zu einem Zwischenfall. In Breitensee (Niederösterreich [zu Wien 14,]) traf am 14. November 1885 der Sattlermeister und Orts-Polizeikommissär Adam Gottwald (1840–?) in Begleitung des Protokollisten im Versatzamt Josef Fischer um etwa 1 Uhr Früh auf eine Gruppe junger Leute, von denen einer einen Alleebaum ausreißen wollte. Gottwald wollte zwar den Burschen festnehmen und auf das Bürgermeisteramt Breitensee bringen, sah aber angesichts der drohenden Haltung der anderen davon ab und verließ den Ort des Vorfalls. Die jungen Leute verfolgten jedoch Josef Fischer, holten ihn in der Nähe des Parks von Breitensee ein, umringten ihn und verwundeten ihn durch drei Stiche mit einem Taschenmesser. Danach flüchteten die jungen Leute. Die vom Polizei-Agenten-Institut eingeleiteten Untersuchungen zeitigten erst nach zwei Monaten Ergebnisse. Erst am 15. Jänner 1886 wurden als Beteiligte an diesem Vorfall vier amtsbekannte Personen in das Landesgericht Wien eingeliefert: Johann Bartsch, der Metallschleifer Franz Czermak (~1864–?), der zugab, die Messerstiche verübt zu haben, Leopold Kautzky und sein Bruder Rupert Kautzky. Inwieweit dieser Vorfall etwas mit der radicalen Arbeiterbewegung zu tun hatte, blieb ungeklärt. Franz Czermak wurde später wegen anderer sozialrevolutionärer Aktionen angeklagt und verurteilt.
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Adresse
- Sechshaus, Niederösterreich [zu Wien 15.], Sechshaus 83 (Geburtsdresse)
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Autor: Reinhard Müller
Version: März 2025
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