Johann Rouget (1847–1893)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Johann Baptist Rougé; in den Taufmatriken: Rusche (Kettenhof [zu Schwechat], Niederösterreich 22. Februar 1813 – ?), Sohn einer Hausfrau und eines Fabrikarbeiters: Arbeiter in der Ölpresse in Rannersdorf (Niederösterreich); Heirat in Schwechat (Niederösterreich) am 9. Februar 1834 mit:
Mutter: Theresia Bachdrog (Schwechat, Niederösterreich 7. Juni 1815 – Altkettenhof [zu Schwechat], Niederösterreich 6. Dezember 1884), Tochter einer Hausfrau und eines Bierführers: Hausfrau
Schwester: Theresia Rougé (Schwechat, Niederösterreich 21. September 1837 – ?)
Bruder: Michael Rougé (Schwechat, Niederösterreich 10. August 1839 – ?)
Schwester: Josepha Rougé (Schwechat, Niederösterreich 10. März 1841 – ?)
Bruder: Antonius (de Padua) Rougé (Schwechat, Niederösterreich 30. April 1843 – ?)
Schwester: Magdalena Rougé (Altkettenhof [zu Schwechat], Niederösterreich 19. Dezember 1855 – ?)
erste Ehe: in Schwechat (Niederösterreich) am 15. Juni 1873 mit Elisabeth Wetzl (Oberndorf [zu Gallneukirchen], Oberösterreich 10. November 1850 – Kaiserebersdorf, Niederösterreich [zu Wien 11.] 7. August 1876), Tochter einer Hausfrau und eines Werkführers: Fabrikarbeiterin, Hausfrau; an Lungentuberkulose verstorben
Sohn: Johann Capistran Rouge (Kaiserebersdorf, Niederösterreich [zu Wien 11.] 4. Oktober 1874 – 28. August 1875): an Gehirnfraisen verstorben
Tochter: Adelheid Aloisia Rouge (Kaiserebersdorf, Niederösterreich [zu Wien 11.] 27. März 1876 – Rannersdorf [zu Schwechat], Niederösterreich 10. September 1876): an Darmkatarrh verstorben
zweite Ehe: in Schwechat (Niederösterreich) am 11. Februar 1877 mit Josepha Maria Kaider, seit 13. Februar 1874 verwitwete Kroupa (Zwölfaxing, Niederösterreich25. März 1839 – ?), Tochter einer Hausfrau und eines Schullehrers: Hausfrau; Radicale
Biographie
Johann Rouget absolvierte eine Lehre als Schlosser und arbeitete, vom Militär gänzlich befreit, als Maschinenschlosser in Kaiserebersdorf (Niederösterreich [zu Wien 11.]), seit 1876 in Rannersdorf [zu Schwechat] (Niederösterreich), dann in Schwechat (Niederösterreich). Bereits 1870 schloss er sich der sozialistischen Arbeiterbewegung an.
Schließlich zog Johann Rouget nach Simmering (Niederösterreich [zu Wien 11.]), wo er bei der Südbahn als Maschinenschlossergehilfe Arbeit fand. Hier schloss er sich der radicalen Arbeiterbewegung in Wien an und wurde 1882 Obmann-Stellvertreter der »Gewerkschaft der Eisen- und Metallarbeiter«. Am 4. September 1882 fand in »Dreher’s Etablissement« (Anton Dreher) in Wien 3., Landstraßer Hauptstraße 97, eine vom Webergehilfen Franz Schustaczek (1850–1908) einberufene, von rund dreitausend Arbeitern besuchte Volksversammlung zur Tagesordnung »Die Lebensmittelfrage« statt. Diese Versammlung, in der Johann Rouget zum Vorsitzenden-Stellvertreter gewählt wurde, war auch eine Protestveranstaltung anlässlich der so genannten Merstallinger-Affäre vom 4. Juli 1882. Am 1. April 1883 fand – als erste öffentliche Veranstaltung der Radicalen nach dem am 21. März 1883 beendeten Merstallinger-Prozess – in »Dreher’s Etablissement« (Anton Dreher) eine Volksversammlung mit der Tagesordnung »Die Lage des Volks und die Bestrebungen der radicalen Arbeiterpartei« statt, an der etwa eintausendfünfhundert Personen teilnahmen. Der Maler- und Anstreichergehilfe Josef Peukert(1855–1910), der anlässlich des Prozessausgangs als Sieger gefeiert wurde und in der Arbeiterschaft Wiens seither an Bedeutung mächtig gewann, hob in seiner Rede das Trennende zwischen Gemäßigten und Radicalen hervor: »Diese glauben, wir müssen auch dasselbe erst thun, was die Anderen getan haben, dann dürfen wir erst weiterschreiten, darum hängen sie sich an das allgemeine Wahlrecht, welches sich noch in keinem Lande unter den bestehenden ökonomischen Verhältnissen als praktisch erprobt hat. Wo dasselbe seit Jahrzehnten leiden die Arbeiter an denselben Uebeln wie wir. Auch dort ist die Lage der Arbeiter keine bessere.«1 Josef Peukert war nunmehr unbestritten die Persönlichkeit der radicalen Arbeiterbewegung Österreichs schlechthin, hin- und hergerissen zwischen schmeichelnder Bekanntheit und grundsätzlicher Ablehnung des Personenkults, aber auch bedrängt von der Angst, dass allzu große Bekanntheit mögliche polizeiliche Verfolgungen seiner Person erleichtern würde. Der Vorsitzende der Versammlung, Johann Rouget, protestierte gegen die wegen Peukerts Vortrag vom anwesenden Behördenvertreter verfügte Auflösung der Versammlung. Wegen dieses Vorfalls fand am 5. November 1883 vor dem Bezirksgericht Landstraße (Wien 3.) der Prozess gegen Johann Rouget statt. Er hatte sich damals als Vorsitzender mit den Worten »Ich protestire namens der ganzen Versammlung gegen die Auflösung!«2 gegen die behördliche Auflösungsverfügung verwehrt. Rouget wurde wegen Übertretung des Versammlungsgesetzes zu einer Woche Arrest verurteilt.
Inzwischen hatte Johann Rouget eine wichtige Rolle bei der geheimen Druckerpresse der Radicalen übernommen. Am 22. Oktober 1883 tauchte in Graz (Steiermark) erstmals das Flugblatt, »Arbeiter! Große Krankheiten […] [/] Dělníci! Vzbůru lide pracujici […]«3 auf. Es war das erste zweisprachige Flugblatt der Radicalen in Wien, wobei der tschechische Text keine Übersetzung des deutschen darstellte, sondern ein eigenständiger war. Gedruckt wurde dieses Flugblatt auf der Geheimpresse der Radicalen in Inzersdorf (Niederösterreich [zu Wien 10.]). Dieses Flugblatt wurde vom Schriftsetzer Ferdinand Hübner (~1860–1897) in der Wohnung des Tischlergehilfen Johann Slezák (1851–1907) gesetzt und vom Tischlergehilfen Johann Ehn (1852–1937) sowie dessen Lebensgefährtin Franziska Faber in Inzersdorf gedruckt. Da die alte Druckpresse nicht mehr gut genug war, wurde sie nach diesem Flugblatt von Johann Slezák und Johann Rouget aus der Wohnung von Johann Ehn nach Altmannsdorf (Niederösterreich [zu Wien 12.]), Laxenburger Straße 67 [Altmannsdorfer Straße] gebracht.
Am 18. November 1883 wurde früh morgens im Keller des Hauses in Altmannsdorf (Niederösterreich [zu Wien 12.]), Laxenburger Straße 67 [Altmannsdorfer Straße], eine geheime Druckerpresse der Radicalen ausgehoben. Es begann mit einer fünfstündigen Hausdurchsuchung der Wohnung wie des Kellers von Johann Rouget. Dabei wurden Schlüssel für ein benachbartes Kellerabteil gefunden, welches dem Schmiedgehilfen Franz Maennl (1838–?) gehörte. Hier wurden, unter einem Haufen Kohlen, Schutt und Erdreich vergraben, die in ihre Bestandteile zerlegte Handdruckerpresse, Lettern und ein Setzkasten entdeckt. Franz Maennl, Johann Rouget und dessen Ehefrau, die Hausfrau Josepha Maria Rouget (1839–?), wurden sofort verhaftet. Franz Maennl und Josepha Maria Rouget wurden jedoch am 7. Dezember 1883 wieder auf freien Fuß gesetzt. Es war dies jene Handpresse, welche zunächst in Inzersdorf (Niederösterreich [zu Wien 10.]) von Johann Ehn und dessen Lebensgefährtin Franziska Faber betrieben worden war und auf der seit April 1883 die Untergrundzeitung »Erste Freie Presse Cisleithanien’s« [Inzersdorf (Wien)] sowie die Flugblätter »Manifest der social-revolutionären Arbeiterpartei Oesterreichs an das arbeitende Volk«,4 »Mahnruf an alle Arbeiter und Männer des Volkes«,5 das schon erwähnte zweisprachige Flugblatt »Arbeiter! Große Krankheiten […] [/] Dělníci! Vzbůru lide pracujici […]«, die tschechische Untergrundzeitung »Lipanské červánky« (Ženeva [recte Wien-Inzersdorf]) und wohl einige andere mehr gedruckt wurden. Teile dieser Handpresse hatten der am 5. November 1883 in die USA geflüchtete Johann Slezák in dem nunmehr durchsuchten Kellerabteil zur Verwahrung deponiert. Später wurde auch der Buchbindergehilfe und Schriftsetzer Eduard Brady (1853–?) als wichtiger Teilnehmer an dieser Druckerpresse ermittelt.
Die Aushebung der geheimen Druckerpresse der Radicalen erregte einiges Aufsehen, aber auch den Ärger der Radicalen. In der Nacht vom 20. auf den 21. November 1883 wurden in allen Stockwerken des Hauses Laxenburger Straße 67 an die Korridorfenster illegale Druckwerke sozialistischen Inhalts aufgeklebt. Und am 26. Dezember 1883 veröffentlichten die Radicalen die Flugschrift »Zur Richtschnur!«.
Später wurde auch Eduard Brady als wichtiger Teilnehmer an dieser Druckerpresse ermittelt. Auf die Aushebung dieser Druckerpresse reagierten die Radicalen am 26. Dezember 1883 mit der Flugschrift »Zur Richtschnur!«6
Am 23. Jänner 1884 fand vor dem Landes- als Schwurgericht Wien, zeitweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit, im Zusammenhang mit der Aushebung der illegalen Druckerei der Prozess gegen Johann Rouget, angeklagt der Verbrechen des Hochverrats, begangen durch Mitwirkung an der Erzeugung von revolutionären Schriften, der Majestätsbeleidigung, der Beleidigung der Mitglieder des kaiserlichen Hofs, der Ruhestörung und der versuchten Verleitung zum Mord. Rouget wurde von den Geschworenen mit zehn Neinstimmen von der Hauptanklage freigesprochen, mit ebenso vielen Stimmen jedoch der Vorschubleistung für schuldig befunden und zu acht Monaten schwerem Kerker verurteilt. Johann Rouget wurde nach Verbüßung seiner Haftstrafe aufgrund der Ausnahmsverordnungen vom 30. Jänner 1884 am 9. April 1884 aus Wien für beständig abgeschafft: »Auf Grund des Gesetzes vom 27. Juli 1871, §. 2, R. G. Bl. Nr. 88, wurde von der k. k. Polizei-Direktion Wien mit Erkenntniß vom 9/4. l. J., Z. 2552/Pr., wegen seiner Gefährlichkeit gegen die Person und das Eigenthum, sowie wegen Theilnahme an der staatsgefährlichen, sozialistischen Propaganda, sohin aus Rücksichten der öffentlichen Ordnung u. Sicherheit aus Wien und aus dem ganzen Wr. Polizei-Rayon für beständig abgeschafft und zwar nach Verbüßung der ihm mit Urtheil des k. k. Landes-Gerichtes zu Wien am 23. Jänner 1884 wegen Verbrechens der Vorschubleistung zuerkannten 8monatlichen Kerkerstrafe. 1530 Rouget Johann, Schmiedgeh., 63 [!] J. alt, geb. und zust. zu Alt-Kettenhof bei Schwechat, k., verh. K. k. Polizei-Direktion Wien 9/4. 84.«7
Johann Rouget, der nach Wien zurückkehren durfte, schloss sich 1889 der Sozialdemokratie an und wurde im Febraur 1890 in den Überwachungsausschuss des »Vereins für Arbeitsvermittlung in Wien« gewählt. Johann Rouget verstarb am 13. November 1893 in Wien an Lungentuberkulose. An der Beisetzung seiner Leiche am 15. November 1893 sollen rund viertausend Arbeiterinnen und Arbeiter teilgenommen haben.
Kategorien
Adresse
- Altkettenhof [zu Schwechat], Niederösterreich, Altkettenhof 6 (Geburtsadresse; 1877)
- Kaiserebersdorf, Niederösterreich [zu Wien 11.], Ebersdorf 224 (1875 bis 1876)
- Rannersdorf [zu Schwechat], Niederösterreich, Rannersdorf 1 (1876)
- Altmannsdorf (Niederösterreich [zu Wien 12.]), Laxenburger Straße 67 [Altmannsdorfer Straße] (1883)
- Wien 11., Hauptstraße 48 [Simmeringer Hauptstraße] (Sterbeadresse)
Karte
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Autor: Reinhard Müller
Version: Dezember 2024
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- 1
Josef Peukert (1855–1910), zitiert nach [anonym]: Aus Parteikreisen. [/] Wien, in: Die Zukunft (Wien), [5]. Jg., Nr. 84 (12. April 1883), S. 2–3, hier S. 3.
- 2
Zitiert nach [anonym]: (Protest in einer Arbeiter-Versammlung.), in: Neue Freie Presse [/] Morgenblatt (Wien), [20]. Jg., Nr. 6895 (6. November 1883), S. 7.
- 3
Vgl. [anonym]: Arbeiter! Große Krankheiten […][/] Dělníci! Vzbůru lide pracujici […]. [Inzersdorf (Wien)]: [Johann Ehn und Franziska Faber] [1883], Flugschrift. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Graz vom 2. November 1883 in Österreich verboten.
- 4
Vgl. [anonym]: Manifest der social-revolutionären Arbeiterpartei Oesterreichs an das arbeitende Volk. [Inzersdorf (Wien)]: [Johann Ehn und Franziska Faber] [1883], Flugschrift. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Kreis- als Pressgericht Pilsen vom 22. Mai 1883 in Österreich verboten.
- 5
Vgl. [anonym]: Mahnruf an alle Arbeiter und Männer des Volkes. [Inzersdorf (Wien)]: [Johann Ehn und Franziska Faber] [1883], Flugschrift. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 16. August 1883 in Österreich verboten.
- 6
Vgl. [anonym]: Neue freie Presse Cisleithaniens. Nr. 3. Zur Richtschnur! [Wien]: [ohne Druckerangabe] [1883], Flugblattzeitung. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 28. Dezember 1883 in Österreich verboten.
- 7
[Anonym]: 1530 Rouget Johann, in: Central-Polizei-Blatt. Herausgegeben von der k. k. Polizei-Direktion zu Wien (Wien), Nr. 27 (19. April 1884), S. 108.; siehe auch die Korrektur der Altersagabe: »1677 Berichtigung. Rouget Johann, Schmiedgehilfe, – BI. Nr. 27, Art. 1530 v. J. 1884 – ist nicht 63, sondern 36 J. alt. Pol.-Dion. Wien 26/4. 84.«, in: Central-Polizei-Blatt. Herausgegeben von der k. k. Polizei-Direktion zu Wien (Wien), Nr. 30 (2. Mai 1884), S. 119.