Julius Ehinger (1868–1940)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Friedrich Ehinger (Balingen, Württemberg [Baden-Württemberg] 20. Jänner 1832 – Wien 26. Oktober 1887), Sohn einer Hausfrau und eines Messerschmieds: Steinmetzgeselle; Heirat in Wien am 27. Oktober 1861 mit:
Mutter: Margarethe Barbara Eginger, geborene Fischer (Asch, Böhmen [Aš, Tschechien] 24. April 1831 – Wien 27. Februar 1910): Hausfrau
Bruder: Friedrich Fischer, mit 9. Oktober 1859 legitimierter Ehinger (Wien 2. Oktober 1859 – Wien 2. Juni 1927): Ziseleurgehilfe
Bruder: Gustav Adolf Ehinger (Wien 15. Juni 1862 – Wien 25. Februar 1933): städtischer Straßenarbeiter
Schwester: Regina Ehinger (Wien 16. Jänner 1865 – Wien 186?)
Bruder: Heinrich Ehinger (Wien 11. April 1870 – Wien 187?)
Bruder: Heinrich Ehinger (Wien 19. April 1872– ?)
Schwester: Regina Johanna Ehinger (Wien 7. Februar 1875 – Wien 9. September 1895): Telefonistin
Ehe: in Wien am 15. September 1918 mit Laura Hermine Antonia Markus (Wien 11. April 1871 – ?), Tochter einer Hausfrau und eines Schuhmachers: Hilfsarbeiterin
Biographie
Julius Ehinger arbeitete als Bronzearbeitergehilfe in Wien, wo er sich der radicalen Arbeiterbewegung anschloss.
Julius Ehinger wurde am 24. Oktober 1886 in Wien verhaftet. Er soll eine Stampiglie hochverräterischen Inhalts übernommen sowie Materialien für diese Stampiglie entwendet haben. So fand man bei ihm zwei Revolver, ein von Julius Ehinger selbst gezeichnetes Porträt des preußischen Sozialisten Ferdinand Lassalle (1825–1864) und Notizbücher, die seine angeblich extreme Gesinnung belegten. Vor allem aber entdeckte die Polizei die Stampiglie für jene Druckschrift, die in den letzten Monaten mehrfach ausgestreut worden war. Man hatte zwar am 18. September 1884 den Hersteller dieser Stampiglien, den Tischlergehilfen Josef Barfuß (~1863–?) etappt, verhaftet und am 7. November 1884 zu zu sechs Jahren schwerem Kerker verurteilt. Doch die Streuaktionen gingen weiter, und es wurde eine neue Stampiglie angefertigt: »Nieder mit Staat, Kirche und Capital!«, welche erstmals am 7. Juni 1885 in Wien aufgetacht war. Außerdem wurde bei Julius Ehinger ein Holzstück sichergestellt, welches offensichtlich zur Herstellung der Stampiglie diente, sowie Chemikalien, darunter Salpeter- und Schwefelsäure, welche Ehinger nach eigenen Angaben seinem Arbeitgeber in der »I. privilegierten Ledergalanterie- und Metallgalanteriewarenfabrik August Klein« von August Klein Ritter von Ehrenwalten (1824–1890) in Wien 7., Andreasgasse 6, entwendet hatte. Schon bei einer früheren Hausdurchsuchung wurden bei Ehinger ein Rezept für Explosivstoffe, die vom Journalisten Johann Most (1846–1906) herausgegebene Broschüre »Neuestes Proletarier-Lieder-Buch von verschiedenen Arbeiterdichtern«1 sowie mehrere revolutionäre Zeitschriften sichergestellt.
Am 28. Dezember 1886 fand vor dem Landes- als Ausnahmsgericht Wien der Prozess wegen der Verbrechen des Hochverrats und Diebstahls gegen Julius Ehinger statt. Die Polizei stellte den 18-jährigen Angeklagten als »einen der thätigsten und verwegensten, weil unbesonnensten Anarchisten« dar. »Wegen seiner rücksichtslosen Befürwortung der Propaganda der That steht er bei den Anarchisten trotz seiner Jugend in einem gewissen Ansehen.«2Und mehrere inhaftierte »Anarchisten«, nämlich der Bronzearbeitergehilfe Stefan Buelacher (1858–?), der Spenglergehilfe Friedrich Kratochvíl (1851–?), der Webergehilfe Franz Schustaczek (1850–1908), der Silberarbeitergehilfe Otto Steidl (1851–?) und der Pfeifenschneidergehilfe Thomas Zoppoth (1866–1906), bestätigten außerdem die Teilnahme von Julius Ehinger an »anarchistischen« Treffen. Julius Ehinger, der sich vor Gericht als »Anhänger der radicalen Arbeiterpartei« bezeichnete, wurde im Sinne der Anklage zur niedrigst möglichen Strafe, nämlich zu drei Jahren schwerem Kerkerm, verurteilt.
Julius Ehinger schloss sich nach seiner Freilassung den Unabhängigen Socialisten an und war vom Jänner bis April 1895 Mitherausgeber deren Zeitung »Die Zukunft« (Wien). Schon hier zeigte er sein Engagement für gewerkschaftliche Bewegungen.3Nach Einstellung der Zeitung engagierte sich Ehinger vor allem für die Arbeitslosen. Doch auch dabei war er Schikanen seitens der Behörden ausgesetzt. So wurde beispielsweise die von ihm für den 5. Jänner 1899 in das »Horak'sche Gasthaus« (Karl Horak) in Wien 15., Neubaugürtel 15, einberufene Versammlung der Arbeitslosen zur Tagesordnung »Die Arbeitslosigkeit im modernen Zeitalter« behördlich untersagt.
Nachdem Rudolf Großmann alias Pierre Ramus (1882–1942) im Jahr 1907 nach Wien zurückkehrte, gehörte Julius Ehinger zu seinen ersten und engsten Mitkämpfern. Julius Ehinger wurde bei der Gründungsversammlung der »Allgemeinen Gewerkschaftsföderation in Niederösterreich« am 3. November 1907 zum 2. Obmann-Stellvertreter gewählt, eine Funktion, die er bis 22. Juni 1909 inne hatte. Er schloss sich auch der Gruppe »Wohlstand für Alle« an und zeichnete vom Dezember 1907 bis März 1908 als Herausgeber der Zeitung »Wohlstand für Alle« (Wien). Am 15. April 1908 verurteilte ihn das k. k. Bezirksgericht Wien-Josefstadt nach § 11 Pressegesetz als Herausgeber zu zehn Kronen Geldstrafe.
Nach dem Ersten Weltkrieg ging Julius Ehinger auf Distanz zu Pierre Ramus und wurde auf der konstituierenden Sitzung der »Föderation Revolutionärer Sozialisten ›Internationale‹« (FRSI), die am 28. November 1918 im Gasthaus »zum Feldmarschall Laudon« (Franz Reimann) in Wien 17., Hernalser Gürtel 11, stattfand, in deren Rat gewählt.
Publikationen
- Die Zukunft (Wien) 1895
- Wohlstand für Alle (Wien) 1907 bis 1908
Kategorien
Adresse
- Wien 8., Josefstädter Straße 79 (Geburtsadresse; belegt für 1868 bis 1870)
- Wien 8., Josefstädter Straße 81 (belegt für 1875)
- Wien 16., Richard-Wagner-Platz 7 (belegt füt 1918)
Karte
Autor / Version / Copyleft
Autor: Reinhard Müller
Version: März 2025
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
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- 1
Vgl. Neuestes Proletarier-Lieder-Buch von verschiedenen Arbeiterdichtern. Gesammelt von Johann Most. Chemnitz: Genossenschafts-Buchdruckerei [1872], 88 S. Das von Johann Most (1846–1906) herausgegebene Liederbuch erschien in jeweils verbesserter Auflage bis zur vierten Auflage 1873.
- 2
Zitiert nach [anonym]: Aus dem Gerichtssaale. [/] Zwei Anarchisten-Processe, in: Die Presse (Wien), 39. Jg., Nr. 358 (29. Dezember 1886), S. 11–12, hier S. 12.
- 3
Vgl. J. E. [d. i. Julius Ehinger]: Zur Revolutionirung der Gewerkschaften, in: Die Zukunft (Wien), 3. Jg., Nr. 4 (27. Februar 1895), S. 1.