Exkurs: Vinzenz Muchitsch (1873–1942) und Ladislaus Gumplowicz (1869–1942), zwei missratene Anarchisten
Wie schon während des radicalen Jahrzehnts wandten sich auch in den Jahren der Unabhängigen Socialisten immer wieder Anarchisten anderen Lebens- und Weltanschauungen zu. Hier sei auf zwei Beispiele aus Graz (Steiermark) verwiesen, die später tunlichst ihre anarchistischen Jahre verschwiegen.
Vinzenz Muchitsch (1873–1942)
Da war einmal der Bäckergehilfe Vinzenz Muchitsch (1873–1942). Er wurde am 25. Februar 1873 in Sankt Leonhard in Windischbüheln (Steiermark [Lenart v Slovenskih goricah, Slowenien]) als Sohn einer Hausfrau und eines Schneiders geboren, besuchte dann die Volksschule und die Bürgerschule in Marburg an der Drau (Steiermark [Maribor, Slowenien], die er in Graz (Steiermark) abschloss, wohin sein Vater 1884 mit seiner kinderreichen Familie gezogen war. Hier sabsolvierte Vinzenz Muchitsch von 1887 bis 1890 eine Bäckerlehre. Er übersiedelte danach nach Wien, wo er in mehreren Bäckereien arbeitete. 1893 kehrte er nach Graz zurück, wo er sich den Unabhängigen Socialisten anschloss. Muchitsch betrachtete sich damals als Schüler des 1892 nach Graz gekommenen Bäckergehilfen August Krčal (1860–1894). Muchitsch engagierte sich in der am 27. November 1892 als Firma gegründeten »Ersten steiermärkischen Arbeiter-Bäckerei, registrierte Genossenschaft mit beschränkter Haftung« in Eggenberg [zu Graz] (Steiermark), langjährige Hochburg der anarchistischen Bewegungen in Graz und Umgebung. Am 24. Jänner 1895 wurde er zum Schriftführer-Stellvertreter des »Bäcker-Kranken- und Unterstützungsvereins« gewählt. In einem Prozess gegen Bäcker in Cilli (Steiermark [Celje, Slowenien]), die den Unabhängigen Socialisten angehörten, wurde Muchitsch als Zeuge geladen und am 10. Dezember 1895 wegen Verleitung zu falscher Zeugenaussage zu vier Monaten schwerem Kerker verurteilt. Aus der Haft entlassen, wandte sich Vinzenz Muchitsch endgültig der Sozialdemokratie zu, wurde Mitglied der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei«, Von 1904 bis 1909 gehörte er dem Grazer Stadtrat an. Vom 17. Juni 1907 bis 12. November 1918 war er Abgeordnter zum Reichsrat, vom 21. Oktober 1918 bis 16. Februar 1919 Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung und vom 4. März 1919 bis 14. Juli 1920 der Konstituierenden Nationalversammlung der Republik Österreich. Vom 13. Juni 1919 bis 12. Februar 1934 war Vinzenz Muchitsch der erste sozialdemokratische Bürgermeister von Graz... Anarchismus ade!1
Władysław Gumplowicz (1869–1942)
Zumindest international interessanter ist der Fall von Władysław Gumplowicz (1869–1942), Sohn eines berühmten Universitätsprofessors. Er wurde am 15. Februar 1869 als jüngstes Kind von Franciszka Gumplowicz (1845–1909) und Ludwik Gumplowicz (1838–1909), später ein Pionier der Soziologie und Nestor der Soziologie in Österreich, in Krakau (Galizien und Lodomerien [Kraków, Polen]) geboren. 1875 übersiedelte Władysław Gumplowicz mit seinen Eltern nach Graz (Steiermark), wo er 1875 bis 1910 den Namen »Ladislaus Ignatz Gumplowicz« führte. Schon als Gymnasiast an Literatur interessiert, betätigte er sich als Übersetzer aus dem Polnischen und übertrug unter anderem Gedichte von Adam Asnyk (1838–1897) und die »Sonety krymskie« (Krim-Sonette) von Adam Mickiewicz (1798–1855), letztere im Auftrag des »Musikvereins für Steiermark« in Graz. Nach der Reifeprüfung studierte Władysław Gumplowicz Medizin an der Universität Graz, wo er 1891 zum Dr. med. promoviert wurde. Nach Abschluss des Praktikums an der psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses Graz als Assistenzarzt ließ er sich 1892 kurzzeitig als Kinderarzt in Graz, Neubaugasse 12, nieder. Im Herbst desselben Jahres trat er der »Sozialdemokratischen Arbeiterpartei« bei, wurde Mitglied des »Allgemeinen Arbeiter-Fortbildungs-, Rechtsschutz- und Unterstützungs-Vereins für Steiermark« und betätigte sich vorübergehend als Redakteur des steirischen Parteiorgans »Arbeiterwille. Organ des arbeitenden Volkes der Alpenländer« (Graz).2Als Mitglied des »Politischen Vereins ›Wahrheit‹« wandte er sich in mehreren öffentlichen Reden gegen die Unabhängigen Socialisten in Graz. Am 31. März 1893 wurde Gumplowicz anlässlich einer Rede bei einer sozialdemokratischen Versammlung vom Bezirksgericht Graz wegen Ehrenbeleidigung zu 30 Gulden Geldstrafe verurteilt. Bereits im April 1893 brach Władysław Gumplowicz nach ideologischen Differenzen mit der Sozialdemokratie, verließ Graz und ging zunächst in die Schweiz. Hier inskribierte er sich für das Sommersemester an der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich / Zurich / Zurigo (Kanton Zürich, Schweiz). Im August 1893 nahm er am Internationalen Sozialistischen Kongress in Zürich als Delegierter teil. Nachdem auf diesem Kongress die sozialdemokratische Mehrheit den Ausschluss der anarchistischen Minderheit durchgesetzt hatte, kam es zur endgültigen Trennung der anarchistischen Opposition der »Jungen« von der deutschen Sozialdemokratie. Die Anarchisten veranstalteten daraufhin einen eigenen Kongress in Zürich. Hier trat der spätere polnische Nationalist Gumplowicz noch als überzeugter Internationalist auf: »die nationale Freiheit Polens hat nie etwas anderes bedeutet, als die Freiheit der Junker die Bauern zu schinden. Heute würden sich einige jüdische und deutsche Grossbourgeois mit den Junkern in die Freiheit des Schindens teilen und die Arbeiter mit den Bauern in die Freiheit des Geschundenwerdens«.3 Den Bruch Gumplowiczs mit der Sozialdemokratie zeigt auch ein Bericht über seine Rede auf dem Anarchistenkongress: »Dr. Gumplowicz betonte, wie sehr die Sozialdemokratie den revolutionären Standpunkt verloren habe, zeige ihr grosser Glaube an den Wert des Parlamentarismus. Es gebe sogar sozialdemokratische Polizeidirektoren.«4 Und schon damals zeigte sich seine Sympathie für das sogenannte Lumpenproletariat mit durchaus sozialrevolutionärer Romantik als Hauptmotivation: »Dr. Gumplowicz sagte, die Maifeiern lassen noch vielfach zu wünschen übrig. In Zürich gleiche die Feier vielfach dem Sechseläutenfest. Der Proletarier solle bleich, verzehrt, zerlumpt sich zeigen, wie er auch lebe.«5
In Zürich lernte Władysław Gumplowicz auch den wortführenden deutschen Anarchisten, den Philosophen und Literaturwissenschaftler Gustav Landauer (1870–1919), kennen, dem er – nach einem vorübergehenden Aufenthalt in Graz – im Oktober 1893 nach Berlin (Preußen [Berlin]) folgte. Nach der Verhaftung des bisherigen Herausgebers Gustav Landauer übernahm Gumplowicz im Oktober 1893 die Redaktion der anarchistischen Zeitung »Der Sozialist« (Berlin). Bei einer Arbeitslosenversammlung meinte Gumplowicz am 22. Jänner 1894, dass der Staat »der Büttel der der Arbeiterclasse« sei: »Seid Ihr bis zu Euerem 70. Jahre noch nicht todtgehungert und todtgeschunden, bekommt Ihr eine Rente. Der Staat ist eine gesetzlich geschützte Räuberbande.«6 Als ihn der anwesende Polizeileutnant verhaften wollte, entstand ein Tumult und Gumplowicz selbst leistete heftigen Widerstand. Am 16. Februar 1894 wurde er vom Landgericht I Berlin wegen Vergehens gegen die öffentliche Ordnung und Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu eineinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl der Staatsanwalt »nur« ein Jahr gefordert hatte. Am 21. Mai 1894 erhielt er wegen derselben Rede wegen Aufreizung zur Gewalt und zum Diebstahl vom Landesgericht I Berlin eine Zusatzstrafe von neun Monaten. Der engagierte Mitarbeiter diverser Zeitungen und Zeitschriften und Redner auf zahlreichen Volksversammlungen konnte aber die Achtung seiner anarchistischen Mitstreiter nur in geringem Ausmaß erringen, bot er doch zu offensichtlich das Bild der damals gerade aufkommenden Bohemien-Anarchisten. Kennzeichnend ist die Schilderung eines Berliner Genossen: »In Kleidung und Haltung war er bemüht, das echte Bild eines elenden Proletariers zu geben. Aber weit entfernt, damit Zutrauen und Anerkennung zu wecken, reizte er nur die Lachmuskeln der Arbeiter. Selbst diejenigen, deren Genosse er sich nannte, machten sich über seine Pose lustig. Ich erinnere mich, wie, als er auf einer kleinen Arbeiterfestlichkeit mit viel echtem Feuer eine revolutionäre Freiligrathsche Dichtung vortrug, die ernste Stimmung der Zuhörer sich, aller begeisterten Rhetorik zum Hohn, in laute Heiterkeit auflöste, als um den Leib des hastig Gestikulierenden der einfach geknotete grobe Strick sichtbar wurde, der bestimmt war, die Hosenträger zu ersetzen.«7
Am 9. Juli 1896 aus dem Strafgefängnis Plötzensee in Berlin entlassen, wurde Władysław Gumplowicz, damals regelmäßiger Mitarbeiter der Zeitung »Die Zeit« (Wien), am 11. Juli 1896 aus Preußen ausgewiesen. Nach einem kurzen Aufenthalt in Graz zug er nach Brüssel ‹Ville de Bruxelles / Stad Brussel› (Belgien). Unter dem Einfluss des Geografen Élisée Reclus (1830–1905), der an der Université libre de Bruxelles als Professor lehrte, wurde Gumplowicz Dozent an dieser Hochschule. In Brüssel befreundete er sich auch mit dem Wiener Journalisten und Schriftsteller Stefan Grossmann (1875–1935), der eine zeitlang bei ihm wohnte. Damals ging Gumplowicz auch eine Lebensgemeinschaft mit der deutschen Philosophiestudentin und späteren volkswirtschaftlichen Publizistin Fanny Imle (1878–1965) ein. Sie war eine engagierte Anarchistin, während sich Gumplowicz in gerade diesen Jahren vom Anarchismus zunehmend abwandte.7 Mit dem Weggang Gumplowiczs aus Brüssel 1898 endete auch diese Lebensgemeinschaft. Władysław Gumplowicz wandte sich wieder der Sozialdemokratie zu, als polnisch-nationalistischer Sozialdemokrat zunächst in Krakau, dann in Warschau ‹Warszawa› (Königreich Polen, de facto Russland [Polen]), wo er schließlich als Hochschullehrer Karriere machte... Anarchismus ade!8
Autor: Reinhard Müller
Version: Juli 2025
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
Copyleft
Daten
- 1
Siehe auch die Biografie von Vinzenz Muchitsch (1873–1942).
- 2
Władysław Gumplowicz war auch Mitarbeiter der Gelegenheitsschrift: Nichts von Goethe und Schiller. Aus Proletarier-Mussestunden. Herausgegeben von J. Resel. Graz: Verlag der Redaction des »Arbeiterwille« [1893], 23 S.
- 3
Władysław Gumplowicz, zitiert nach Max Nettlau (1865–1944): Die erste Blütezeit der Anarchie: 1886-1894. Vaduz: Topos Verlag 1981 (= Max Nettlau: Geschichte der Anarchie. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam. 4.), S. 447.
- 4
J[ohann] Langhard (1855–1928): Die anarchistische Bewegung in der Schweiz von ihren Anfängen bis zur Gegenwart und die internationalen Führer. Berlin: Verlag von O. Häring 1903, S. 323.
- 5
J[ohann] Langhard (1855–1928): Die anarchistische Bewegung in der Schweiz von ihren Anfängen bis zur Gegenwart und die internationalen Führer. Berlin: Verlag von O. Häring 1903, S. 324.
- 6
Władysław Gumplowicz, zitiert nach [anonym): Ein verurtheilter Socialist, in: Agramer Zeitung (Agram), 69. Jg., Nr. 39 (17. Februar 1894), S. 2.
- 7
Albert Weidner (1871–1946): Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung. Berlin – Leipzig: H. Seemann Nachf. [1905] (= Grossstadt-Dokumente. 9.), S. 23.
- 8
Siehe auch die Biografie von Władysław Gumplowicz (1869–1942).