Die Freien Socialisten in der Steiermark und »Der Freie Socialist». 1900 bis 1902
Neben den in Bedeutungslosigkeit versunkenen Wiener Unabhängigen Socialisten entwickelten unter den deutschsprachigen Anarchistinnen und Anarchisten Österreichs lediglich die Anarchisten in der Steiermark nennenswerte Aktivitäten. Hier bestand im Grazer »Arbeiter-Bildungs- und Unterstützungs-Verein« eine Gruppe ehemaliger Kampfgefährten von Johann Risman (1864–1936) und August Krčal (1860–1894), die sich nun um die Bäckergehilfen Josef Schmied (1870–?), Anton Notzar (1848–1917) und Anton Schantl (1867–1936) sowie um den Fabrikarbeiter Ferdinand Piantschitsch (1862–1932) scharten. Zu diesem Kreis stießen um 1897 der gelernte Steindrucker und nunmehrige Maschinenmeister Johann Gruber (1874–?) und der Hilfsarbeiter und jetzige Maurergehilfe Franz Prisching (1864–1919). Gerade Gruber und Prisching bemühten sich um eine Wiederbegründung der anarchistischen Bewegung in Österreich und veröffentlichten mangels eines österreichischen deutschsprachigen Anarchisten-Organs im deutschen Bruderblatt »Neues Leben. Anarchistisch-sozialistische Wochenschrift« (Berlin) von 1897 bis 1903 Beiträge und Aufrufe: Prisching meist unter dem Pseudonym »Mars«, Gruber unter dem von »Nero«.1 Tatsächlich schien es so, als würde die Bewegung wieder Fuß fassen. Mit Gruber und Prisching hatten die Anarchisten zwar wieder schreibende Agitatoren, doch fehlten nach wie vor gute Redner und vor allem finanzielle Mittel. So mussten die Grazer Anarchisten in ihrem Schreiben vom 24. Mai 1900 – veröffentlicht in der Zeitung »Neues Leben« (Berlin) vom 14. Juni 1900 – die Teilnahme am Internationalen Anarchisten-Kongress in Paris (Frankreich) absagen – einfach, weil sie die Reisekosten nicht aufbringen konnten. Andererseits gaben Mathias Trabi und Franz Prisching 1900 je eine Nummer zweier hektografierter Zeitschriften heraus: im Februar 1900 »Neue Freiheit. Internationales Organ der Anarchisten deutscher Zunge« (Graz), 4 Seiten – oft als »Junge Freiheit« zitiert, und im März 1900 »Der freie Gedanke. Organ zur Verbreitung freiheitlicher Ideen« (Graz), 8 Seiten, beide ohne Angabe des Erscheinungsorts und Erscheinungsjahrs, was auf die Angst der Herausgeber vor behördlicher Verfolgung schließen lässt.2 Es waren dies zwei Versuche, ein deutschsprachiges anarchistisches Organ für ganz Österreich zu schaffen.
Johann Gruber wie Franz Prisching unternahmen damals ausgedehnte Propagandareisen durch Österreich und suchten auch Kontakt zu den deutschsprachigen Anarchisten Böhmens. Dort verfasste der Hausmeister und Gewerkschaftsfunktionär Johann Douda (1871–1937) aus Turn (Böhmen [Trnovany, Tschechien]) einen Aufruf zur Gründung einer deutschsprachigen anarchistischen Zeitung, veröffentlicht in der Zeitung »Neues Leben« (Berlin) vom 13. April 1901. Tatsächlich erschien am 8. November 1901 die erste Nummer der vierzehntägig erscheinenden Zeitung »Der Freie Socialist. Parteiloses Organ für geistige und wirthschaftliche Befreiung des Proletariats« (Brüx [Most]). Herausgeber und verantwortlicher Schriftleiter war Johann Pöschl. Da dieser in seinen Funktionen als unfähig erachtet wurde, wurde in einer geheimen Sitzung in Brüx (Böhmen [Most, Tschechien]) am 17. November 1901 beschlossen, die Zeitung nach Graz (Steiermark) zu verlegen. Schon im Dezember wurde die Redaktion nach Graz verlegt, wo die Nummern 2 bis 5 (2. Jänner 1902 bis 20. März 1902) erschienen. Herausgeber waren nun der Schmied Johann Pischetz (1871–?) und der Tischlergehilfe Georg Kreiner (1877–1945), verantwortlicher Schriftleiter war Johann Gruber, Administratorin dessen Lebensgefährtin Maria Muster (1876–?). Vorbild dieser Arbeiterzeitung war zweifellos die Zeitung »Neues Leben« (Berlin), aus der auch zahlreiche Artikel übernommen wurden. Fast alle Artikel erschienen anonym.3
Nach einer im Februar bei Johann Gruber durchgeführten Hausdurchsuchung, die zur Beschlagnahme anarchistischer Literatur führte, und nachdem alle Nummern der übrigens immer in Schlan (Böhmen [Slaný, Tschechien]) von Franz Neubert gedruckten Zeitung beschlagnahmt worden waren, beschloss man, das Zeitungsunternehmen angesichts der behördlichen Verfolgung »freiwillig« einzustellen. Stattdessen versuchten die Grazer Anarchisten mit Unterstützung der anarchistischen Zeitschrift »Freiheit« (New York) einen Broschürenfonds zu gründen, doch kamen nicht einmal die Mittel für eine Broschüre zustande. Als Johann Gruber am 1. Oktober 1903 zusammen mit drei anderen Genossen über Genua ‹Genova› (Italien) nach Brasilien abreiste, um sich in der Kolonie »Cosmos« anzusiedeln, fanden die steirischen Reorganisationsversuche einer anarchistischen Bewegung ihr Ende.
Zurück blieb der rege Agitator Franz Prisching. Seine weltanschauliche Karriere mag kennzeichnend für diese Epoche sein: vom Sozialdemokraten zum Unabhängigen Socialisten, vom Freien Socialisten zum sozialistischen beziehungsweise kommunistischen Anarchisten, der sich zunächst um eine organisierte Bewegung bemühte, schließlich zum Individualanarchisten mit tolstoischer Prägung, der wesentliche Teile alternativer Bewegungen wie Vegetarismus, Abstinenzlertum, Antivivisektionismus, Tierschutz, Nacktkörperkultur, antiautoritäre Pädagogik, Antimilitarismus, Landkommunen- und Siedlungsbewegung zu integrieren suchte. So wurde Franz Prisching zu einer der interessantesten Persönlichkeiten des deutschsprachigen Anarchismus in Österreich am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Autor: Reinhard Müller
Version: Dezember 2025
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Daten
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Vgl. Die socialdemokratische und anarchistische Bewegung im Jahre 1900. Wien: Druck der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei 1901, S. 215.
- 2
Zur Datierung vgl. Die socialdemokratische und anarchistische Bewegung im Jahre 1900. Wien: Druck der kaiserlich-königlichen Hof- und Staatsdruckerei 1901, S. 215, und Max Nettlau (1865–1944): Anarchisten und Syndikalisten. Teil 1. Der französische Syndikalismus bis 1909 – Der Anarchismus in Deutschland und Russland bis 1914 – Die kleineren Bewegungen in Europa und Asien. Vaduz: Topos Verlag 1984 (= Max Nettlau: Geschichte der Anarchie. Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis, Amsterdam. V.), S. 282; Nettlau datierte hier die Zeitungen auf 1898 oder 1899. Für die Zeitschriften, die Nettlau offensichtlich im Original zur Verfügung standen, konnten keine Belegexemplare gefunden werden.
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Von namentlich gezeichneten anarchistischen Autoren erschienen lediglich Artikel von Ferdinand Domela Nieuwenhuis (1846–1919), Robert Heymann (1879–1946) und Pjotr Alexejewitsch Kropotkin ‹Пётр Алексеевич Кропоткин› (1842–1921).