Martin Stikula (1850–1898)
Persönliche Daten
Familienverhältnisse
Vater: Dominik Stikula: Halblehner; Heirat mit:
Mutter: Katharina Stikula, geborene Pokorny: Halblehnerin
Ehe: in Favoriten (Niederösterreich [zu Wien 10.]) am 22. Oktober 1876 mit Maria-Anna Wrabel (Freiberg in Mähren, Mähren [Příbor, Tschechien] 3. August 1853 – ?), Tochter einer Hausfrau und eines Bahnarbeiters: Handarbeiterin, Hausfrau
Sohn: Emanuel Stiekula; später: Emanuel Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 9. Dezember 1876 – ?): Holzbildhauer in München (Bayern)
Sohn: Joannes [!] Stiekula; später: Joannes Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 26. Mai 1881 – ?)
Sohn: Eduard Carl Stiekula; später: Eduard Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 24. September 1886 – München, Bayern 23. Mai 1941): Dekorateur und Maler in München (Bayern)
Sohn: Johann Stiekula; später: Johann Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 31. Juli 1888 – ?)
Sohn: Karl Stiekula; später: Karl Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 31. Juli 1888 – ?)
Sohn: Hermann Stiekula; später: Hermann Stikula (Favoriten, Niederösterreich [zu Wien 10.] 30. September 1891 – ?): Tischler in München (Bayern)
Biographie
Martin Stikula absolvierte eine Tischlerlehre und arbeitete in Wien als Tischlergehilfe. Hier schloss er sich jener Gruppe von Sozialrevolutionären an, die – sich teilweise personell mit den Unabhängigen Socialisten überschneidend – noch sehr stark in der Tradition der Sozialrevolutionäre der 1880er-Jahre stand. Sie bekannte sich zur Anarchie als zu erstrebendem Ideal. Hervorgetreten ist sie vor allem mit selbst hergestellten Flugblättern. Bereits im Mai 1891 erschien das Flugblatt »Was thun?«, gezeichnet »Es lebe die Anarchie!«.1 Dieses Flugblatt wurde, wie auch die vier folgenden, teils stoßweise in den Straßen Wiens und seiner Vororte ausgestreut, teils auf Hausmauern und in Stiegenhäusern plakatiert. Weiters erschien das Flugblatt »Aufruf«.2 Im Dezember 1892 folgte der Nachdruck eines bereits 1887 erschienenen Flugblatts: »An die Arbeiter im Soldatenrock«, nun allerdings mit dem Zusatz »Es lebe die Soziale revolution [!]«.3 Im Jänner 1893 wurde die »Anweisung zur Herstellung eines Sprengstoffes von bedeutender Stärke«,4 veröffentlicht, gezeichnet »Es lebe die Anarchie«. Schließlich erschien noch der »Aufruf an die österreichische Volksmasse«.5 Urheber dieser Flugblätter waren die Tischlergehilfen Stefan Hanel (~1861–?) und Franz Haspel (1863–1935), welche sie in ihrer Untergrunddruckerei in Wien 5., Siebenbrunnengasse 65, herstellten.
Am 23. September 1893 hob die Polizei dieser Untergrunddruckerei aus, wobei auch eine Bombe und Materialien zur Herstellung von Bomben gefunden wurden. Am 23. und 24. September 1893 wurden in diesem Zusammenhang mehrere Sozialrevolutionäre verhaftet und zwölf von ihnen in das Landesgericht Wien eingeliefert, darunter Martin Stikula. Vom 19. bis 23. Februar 1894 fand vor dem Landes- als Schwurgericht Wien unter Ausschluss der Öffentlichkeit der große so genannte Anarchistenprozess gegen vierzehn Sozialrevolutionäre statt, darunter auch Martin Stikula, angeklagt des Verbrechens des Hochverrats und des Verbrechens gegen das Sprengstoffgesetz. Stikula, der geständig war und dessen Aussagen wichtig für die Anklageerhebung war, hatte kaum eine Schulbildung und war Analphabet. Er besorgte das Papier und brachte auch Gelder für die Flugblätter bei. Außerdem gestand er, das Flugblatt »Anweisung zur Herstellung eines Sprengstoffes von bedeutender Stärke« an den Bildhauergehilfen František Modráček (1871–1960) weitergegeben zu haben. Martin Stikula, der sich vor Gericht als theoretischer Anarchist bekannte, wurde zu vier Jahren schwerem Kerker, verschärft durch einen Fasttag vierteljährig, verurteilt.
Nach seiner Entlassung aus der Haftanstalt Stein [zu Krems an der Donau] (Niederösterreich) wanderte Martin Stikula mit seiner Familie nach München (Bayern) aus.
Kategorien
Adresse
Rauchowan, Böhmen [Rouchovany, Tschechien], Rauchowan 86 (Geburtsadresse)
Wien 10., Waldgasse 43 (belegt für 1876)
Wien 10., Bürgerplatz 20 (belegt für 1876)
Wien 10., Erlachgasse 8 (belegt für 1881)
Wien 10., Waldgasse 40 (belegt für 1886)
Wien 10., Waldgasse 41 (belegt für 1888)
Wien 10., Buchengasse 64 (belegt für 1891)
Wien 10., Quellenstraße 104 (belegt für 1893 bis 1894)
München, Bayern, St.-Martin-Straße 92 (Sterbeadresse)
Karte
Autor / Version / Copyleft
Autor: Reinhard Müller
Version: Juli 2025
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
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- 1
Vgl. [anonym]: Was thun? [Wien]: [Stefan Hanel und Franz Haspel] [1891], unpaginiert (2 Seiten). Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 5. Mai 1891 in Österreich verboten.
- 2
Vgl. [anonym]: Aufruf. [Wien]: [Stefan Hanel und Franz Haspel] [1892], unpaginiert (2 Seiten).
- 3
Vgl. [anonym]: An die Arbeiter im Soldatenrock! [Wien]: [Stefan Hanel und Franz Haspel] [1892], Flugblatt; Fundort: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien, Flugblattsammlung Lade 9, Mappe 12. Zum alten Flugblatt vgl. [anonym]: An die Arbeiter im Soldatenrock! [London]: [Druckerei der Zeitung »Die Autonomie«] [1887], Flugblatt; Sonderdruck aus der Zeitung »Die Autonomie« (London), 1. Jg., Nr. 1 (6. November 1886), S. 2–3, weshalb die Weiterverbreitung der Zeitung mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 17. November 1886 in Österreich verboten wurde. Die Weiterverbreitung des Flugblattes selbst wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 14. März 1887 in Österreich verboten.
- 4
Vgl. [anonym]: Anweisung zur Herstellung eines Sprengstoffes von bedeutender Stärke. [Wien]: [Stefan Hanel und Franz Haspel] [1893], unpaginiert (2 Seiten); Fundort: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien, Flugblattsammlung Lade 9, Mappe 12. Die Weiterverbreitung der Druckschrift wurde mit Erkenntnis des Landes- als Pressgericht Wien vom 30. Jänner 1893 in Österreich verboten.
- 5
Vgl. [anonym]: Aufruf an die österreichische Volksmasse. [Wien]: [Stefan Hanel und Franz Haspel] [1893], unpaginiert (1 Seite, jedoch zum Falten gedacht); Fundort: Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien, Flugblattsammlung Lade 9, Mappe 12.