Stefan Sündermann (1835–)
Persönliche Daten
Biographie
Der Nagelschmiedgehilfe Stefan Sündermann fand zunächst in Bayern Arbeit, wurde aber am 27. September 1881 aus Bayern ausgewiesen: »Weiters wurden vom k. Bezirksamte Altötting folgende, theils wegen Bettels und theils wegen Landstreicherei bestrafte Personen landesverwiesen: [...] 10159. Sündermann Stephan, geb. 16. Jan. 1835, Nagelschmiedgeselle von Grülich, Bez.-Hptmsch. Senftenberg in Böhmen, Beschl. v. 27. Sept. 1881«.1
Stefan Sündermann begab sich daraufhin nach Österreich, wo er in Weigelsdorf [zu Ebreichsdorf] (Niederösterreich) Arbeit fand und sich der radicalen Arbeiterbewegung anschloss. Hier wurde er im September 1882 verhaftet und am 18. September 1882 in das Kreisgericht Wiener Neustadt (Niederösterreich) überstellt. Erst nach vier Wochen wurde er ohne Anklageerhebung aus der Untersuchungshaft entlassen.
Stefan Sündermann begab sich später nach Wien. Hier war er einer der Verhafteten und gerichtlich Angeklagten anlässlich der so genannten Schottenring-Demonstration, eine wichtige Aktion der radicalen Arbeiterbewegung in Wien, bei der er auch verwundet wurde. Am 10. August 1883 fand in Wien eine große, von den Radicalen organisierte Demonstration zum Kampf um die verfassungsmäßigen Rechte für die Arbeiterschaft statt, die so genannte Schottenring-Demonstration. Anlässe zu einer derartigen Manifestation hatte es sicherlich viele gegeben, doch die Auslieferung und insbesondere das Vorgehen der Behörden und die Form der Auslieferung von Johann Christian Neve alias John Neve (1844–1896) brachte offensichtlich das Fass zum Überlaufen. Vor allem auf Anraten des Maler- und Anstreichergehilfen Josef Peukert (1855–1910) sollte die Demonstration so organisiert werden, dass sie friedlich verlaufen könne. Seit sieben Uhr abends versammelten sich vor der Votivkirche in Wien 9., Rooseveltplatz, einige hundert Arbeiterinnen und Arbeiter. Diese marschierten um Punkt 20 Uhr vom Schottentor aus zum Gebäude der Polizei-Direktion Wien in Wien 1., Schottenring 11. Hier stießen neuerlich Trupps von Arbeitern dazu, welche von der Roßau (Wien 9.) kamen. Nunmehr waren an die achthundert Personen versammelt. Die Behörden waren gut vorbereitet und sollen bereits am Nachmittag fast eintausend dienstfreie Mann der Sicherheitswache zusammengezogen haben, um das Innenministerium, das Zeughaus und die Polizei-Direktion Wien zu beschützen. Außerdem forderte der Wiener Polizeipräsident Karl Krticzka Freiherr von Jaden (1824–1885) Militärassistenz an, woraufhin eine Eskadron vom 2. Dragonerregiment sowie ein Bataillon vom Infanterieregiment Nr. 31 Mecklenburg-Strelitz beigestellt wurden. Plötzlich stürmten Sicherheitswache, eine im Hof des Polizeigebäudes bereitgestellte Kompanie Infanterie vom Regiment Nr. 57 und von außen berittenes Militär vom Dragonerregiment Nr. 8, teils mit gezückten Säbeln, auf die Arbeiterinnen und Arbeiter los. Es kam zu einem Handgemenge, und Demonstranten warfen Steine. Viele Arbeiterinnen und Arbeiter wurden durch Säbelhiebe verletzt, einige Mitglieder der Exekutive durch Steinwürfe. Nach etwa zehn Minuten war die Demonstration um 21 Uhr aufgelöst, und die Straßen blieben vom Militär besetzt. Offiziell wurden mehr als dreißig Demonstranten durch Säbelhiebe im Gesicht und an den Händen verwundet, darunter zwei schwer, etwa achtzig Arbeiter wurden vorübergehend festgenommen. Achtundvierzig Arbeiter wurden im Zusammenhang mit dieser Demonstration verhaftet und achtundzwanzig der gerichtlichen Beurteilung zugewiesen, wobei einundzwanzig von ihnen vor Gericht gestellt und sieben der polizeilichen Bestrafung zugewiesen wurden. Der verwundete Stefan Sündermann wurde noch am 10. August 1883 verhaftet.
Am 4. und 5. September 1883 fand vor dem Erkenntnissenat Wien der Prozess anlässlich der so genannten Schottenring-Demonstration gegen einundzwanzig Arbeiter statt, darunter Stefan Sündermann. Des Vergehens der Mitschuld am Auflauf angeklagt, zog der Staatsanwalt noch während der Gerichtsverhandlung seine Anklage gegen Stefan Sündermann zurück.
Stefan Sündermann blieb in Wien, wo er als Nagelschmiedgehilfe arbeitete.
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Autor: Reinhard Müller
Version: Jänner 2025
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[Anonym]: 10159. Sündermann Stephan, in: Bayer. Central-Polizei-Blatt. Herausgegeben von der k. b. Polizei-Direktion München unter Oberaufsicht der k. Staats-Ministerien der Justiz und des Innern (München), 16. Jg., Nr. 105 (13. Dezember 1881), S. 498.