Lipót Práger (1861–)
Persönliche Daten
Biographie
Der seit 9. Mai 1884 flüchtige Handlungskommis Lipót Práger wurde seit 29. April 1884 von der Oberstadhautmannschaft Budapest (Ungarn) wegen Kleider- und Schmuckdiebstahls an einem Schlafkameraden im wert von 200 Gulden gesucht: »909 Prager Leopold, Kaufmannskommis, aus Baja geb., 24 J. alt, Israelite, mittelgr., mit brünettem Ges., schwz., lockigen H., schwz. Augenbr., kl. Schnurrb., ungarisch u. deutsch sprechend, wurde nach Verübung des Diebst. von Pretiosen, Uhr, Ringen u. Ohrgehängen, 200 fl. werth, seit 9. d. M. von hier flüchtig. Verhaften, anher Mittheilung machen. Oberstadthauptmannschaft Budapest 12/4. 84.«1
Im Juni 1884 wurde in Wien ein Leopold Banga verhaftet, der schließlich als der aus Budapest flüchtige Lipót Práger identifiziert wurde. einer Zinsschuld von acht Gulden gegenüber seinem Quartiergeber. Er wurde wegen einer Zinsschuld von acht Gulden gegenüber seinem Quartiergeber in Wien ins Bezirksgericht Alsergrund (Wien 9.) eingeliefert. Außerdem verdächtigten ihn die Wiener Behörden, Anhänger der radicalen Arbeiterbewegung zu sein. Am 19. Juni 1884 fand der Prozess gegen Lipót Práger vor dem Bezirksgericht Alsergrund statt. Seine Behauptung, er sei zwar kein Anarchist, aber sehr wohl ein Sozialist, und er habe als solcher gehandelt, wurde ihm vom Richter nicht geglaubt. Lipót Práger wurde wegen Falschmeldung, Betrugs und Diebstahls zu einem Monat strengem Arrest und anschließender Abschaffung nach Ungarn verurteilt: »56 Prager Leopold, Commis, aus Baja in Ungarn, 23 J. alt, mittelgroß, schwächlich, mit längl. Gesichte, dunkelblonden Haaren, grauen Augen, schadhaften Zähnen, am 19. Juli [!] 1884 vom städt. deleg. Bez.-Ger. Alsergrund (Wien) nach wegen §§. 460, 461 und 320 e St.-G. verb. 1monatl. str. Arreststrafe.«2
Am Tage der Vollstreckung der Haftstrafe machte Lipót Práger während des morgendlichen Häftling-Spaziergangs allerlei Unfug. Als er vom Gefangenenaufseher Jakob Buchinger in die Zelle zurückgebracht werden sollte, flüchtete Lipót Práger in die Aufnahmekanzlei des Bezirksgerichts, streute den ihn verfolgenden Justizwachebeamten Sand ins Gesicht und konnte erst nach längerem Kampf überwältigt werden. Am 13. August 1884 fand vor dem Landes- als Erkenntnisgericht Wien der Prozess gegen Lipót Práger statt. Er wurde nun wegen Verbrechens der öffentlichen Gewalttätigkeit, begangen durch seinen Fluchtversuch nach seiner Verurteilung, zu acht Monaten schwerem Kerker verurteilt, verschärft mit einem Fasttag im Monat, und anschließendem Verweis aus sämtlichen im Reichsrat vertretenen Königreichen und Ländern (also aus der österreichischen Reichshälfte der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) und Abschaffung in seine Heimat Ungarn.
Nach Verbüßung seiner Haftstrafe wurde Lipót Práger im April 1885 nach Ungarn abgeschafft.
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Autor: Reinhard Müller
Version: Februar 2025
Anarchistische Bibliothek | Archiv | Institut für Anarchismusforschung | Wien
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[Anonym]: 909 Prager Leopold, in: Central-Polizei-Blatt. Herausgegeben von der k. k. Polizei-Direktion zu Wien (Wien), Nr. 34 (20. Mai 1884), S. 134.
- 2
[Anonym]: 56 Prager Leopold, in: Ausweis über die im Monate Juli 1884 landesverwiesenen und abgeschafften Ausländer. Beilage zum C. P. B. Nr. 53, S. [3], Beilage zu: Central-Polizei-Blatt. Herausgegeben von der k. k. Polizei-Direktion zu Wien (Wien), Nr. 53 (10. August 1884), nach S. 212. Tatsächlich wurde Lipót Práger am 19. Juni 1884 verurteilt.